Am Donnerstag, dem vorletzten Tag unserer Islandreise, hatten wir eigentlich einen Ausflug zum Vestrahorn, einem Teil des Bergmassivs Klifatindur, im Osten der Insel geplant. Am Freitag sollte es dann zurück in die Hauptstadt und mit etwas Glück zuvor noch auf den Vulkan Fagradalsfjall gehen, der vor knapp einer Woche ausgebrochen ist.
Eigentlich hatten wir uns die Vulkanexpedition bereits am Montag vorgenommen, leider wurde das Gebiet aber aufgrund ungünstiger Windverhältnisse und zu starken austretenden Gasen geschlossen. Von zwei der deutschen Touristen, die wir auf unserer Eishöhlentour getroffen haben, wussten wir, dass der Weg auf den Vulkan zwischenzeitlich jedoch wieder freigegeben wurde. Es schien also, die Isländer reagierten flexibel auf die gerade vorherrschenden Wetterbedingungen.
„Was, wenn der Weg am Freitag wieder gesperrt ist? Dann entgeht uns diese einmalige Gelegenheit, denn am Samstag früh geht ja bereits unser Flug zurück nach Deutschland.“ Diese Gedanken und Befürchtungen wurden immer lauter in meinem Kopf und so schlug ich meinen beiden Mitreisenden noch am Mittwochabend meinen Alternativplan vor (wie gesagt: im kurzfristig Umplanen waren wir ja mittlerweile Profis): Was haltet ihr davon, wenn wir bereits einen Tag früher zurück nach Reykjavík fahren und dann an zwei Tagen (Donnerstag und Freitag) die Chance hätten, zum Vulkan zu gehen? (Und damit meinte ich nicht, dass ich zwangsläufig zweimal dort hin will, aber zumindest verdoppelt sich unsere Chance, dass zumindest an einem der beiden Tage der Weg frei ist).
Gesagt, getan! Nach einhelliger Zustimmung, buchten wir eine zusätzliche Nacht im Hotel Viking in Reykjavík, packten noch am gleichen Abend unsere Koffer und verliesen, leider viel zu früh, unsere schöne zweite Unterkunft am nächsten Morgen.
Gerne wäre ich noch länger hier geblieben und gerne hätte ich auch den Ausflug zum Vestrahorn gemacht, aber all das läuft uns ja nicht weg, all das ist auch nächstes Jahr noch da. Die „once in a lifetime“-Chance, einen gerade ausbrechenden Vulkan aus nächster Nähe zu sehen, ist aber vielleicht schon morgen für immer verschwunden und deshalb war es genau die richtige Entscheidung.
Es ging also am Donnerstag nach dem Frühstück los. Drei Stunden sind es ca. bis nach Grindavík, dem kleinen Örtchen, das dem Fagradalsfjall am nächsten ist. Auf dem Weg hielten wir noch kurz an einem Supermarkt, um Marshmallows zu kaufen … was muss das muss (natürlich nur fürs Foto, denn essen sollte man sie zumindest dann nicht mehr, wenn man sie tatsächlich in die Lava gehalten hat).
Diesmal näherten wir uns dem Fagradalsfjall von Osten, über die bislang gesperrte Straße von Ölfus kommend. Vergleichsweise wenige Autos fuhren dort, wenn ich mich da an unsere erste nächtliche Exkursion zum Vulkan erinnere, allerdings sind wir da auch von Seiten Grindavík her gekommen, also genau aus der anderen Richtung.
Da der Ausbruch nun mittlerweile fast eine Woche zurückliegt und schon viele andere vor uns dort waren, gibt es sogar bereits Karten, die den neu geschaffenen Wanderweg zum Vulkan aufzeigen. Wir wussten daher ungefähr, bis wohin wir die Straße fahren mussten, um von dort aus dann zu Fuß weiter durch das Gelände zu wandern.
Ca. 15 km bevor wir diesen Punkt erreichten, passierten wir ein nicht zu übersehendes Schild am Wegesrand auf dem „lokað“ und etwas von 15 km Stand. Viel isländisch haben wir bisher auf unserer Reise nicht gelernt, dass „lokað“ aber „geschlossen“ hieß, wussten wir. Wir vermuteten also, dass uns das Schild darauf hinweisen wollte, dass in 15 km die Straße gesperrt war und so fuhren wir zunächst einmal noch weiter in Richtung Vulkan. Ziemlich genau nach den angegeben 15 km errichten wir dann auch tatsächlich eine Straßensperre, die, wie wir später feststellten, nicht von allen so ernst genommen wurde wie von uns.

Wir parkten also unser Auto dort, wo auch noch ca. 10 andere Autos links und rechts der Straße standen. Ich hatte mir irgendwie mehr Andrang hier vorgestellt. Vermutlich lag es daran, dass die meisten immer noch glaubten, die Straße aus dieser Richtung sei gesperrt und deshalb alle aus Grindavík anreisten.
Nachdem wir die Straße gut einen Kilometer entlang gelaufen waren, sahen wir auch schon die ersten parkenden Autos derjenigen, die von der anderen Seite gekommen waren. Hier war die Schlange zwar etwas länger, aber dennoch kein Massenandrang wie man es von manchen Fotos und Berichten kannte. Nicht zu übersehen war auch der Abzweig ins Gelände, von wo aus nun die eigentliche Wanderung begann.


Der mittlerweile gute ausgebaute Wanderweg, der links und rechts sogar von gelben Pfosten markiert war, führte nun erstmal eine ganze Weile lang mehr oder weniger eben durch das Gelände. Nach ungefähr einer halben Stunde Gehzeit trafen wir auf drei in Warnwesten gekleideten Personen, die an einer Weggabelung standen. Als wir näher kamen, wiesen sie uns darauf hin, dass der eigentliche, bisher immer genutzte Weg auf den Vulkan leider heute gesperrt werden musste, da der Wind aus Norden und somit die giftigen Gase direkt in Gehrichtung wehte. Aber die Isländer sind ja erfinderisch und so wurde einfach kurzfristig ein neuer Weg eröffnet, der, da er noch nicht viel benutzt wurde bisher, tatsächlich mehr einem kleinen Trampelpfad glich. Über moosbewachsenes Lavagestein ging es in einem großen Bogen (um den giftigen Gasen zu entgehen) ein weiteres Stück querfeldein bis der eigentliche Aufstieg begann.


Für gut weitere 30 Minuten führte der Weg nun steil bergauf über lockeres Geröll, das teilweise mit Schnee bedeckt und daher an manchen Stellen sehr rutschig war. Man musste also gut aufpassen, wo man hintrat und auch die ein oder andere Verschnaufpause gönnten wir uns.
Oben angekommen war es nun nicht mehr weit und man konnte schon aus der Ferne den Rauch aufsteigen sehen.

Aufgeregt wie ein kleines Kind kurz vor Weihnachten, konnte ich mich kaum mehr halten und wäre das letzte Stück bis zum Vulkan am liebsten gesprintet.
Und dann, endlich, haben wir den Rand des großen Kraters erreicht und der Blick auf den Fagradalsfjall war frei.

Ehrfürchtig standen wir da, sprachlos und fasziniert. Ich dachte ja schon, die Nordlichter ließen mich wortlos und gebannt gen Himmel blicken (und das taten sie auch), aber was sich hier vor uns abspielte, übertrifft einfach jegliche Vorstellungskraft. Ein sonderbarer Geruch, der etwas an ein Silvesterfeuerwerk erinnert, liegt in der Luft, manchmal hört man das Knacken der Lavabrocken, der wind pfeift und es ist eisig kalt.
Langsam gehen wir ein Stück näher und später auch noch direkt an den Rand des Lavafeldes. Auch hier war es, wider Erwarten, nicht wärmer, aber all das war egal und zweitranging, standen wir doch tatsächlich vor einem gerade ausbrechenden Vulkan. Wer hat schon das Glück, so etwas hautnah miterleben zu dürfen.
Natürlich waren wir hier nicht allein, aber der Andrang hielt sich an diesem Tag glücklicherweise in Grenzen. Die Vulkantouristen kamen auf die einfallreichsten Ideen, so beobachteten wir z.B. jemanden, der einen Feuerlöscher mitgebracht hatte und sich gerade damit von einem der Securities vor dem Vulkan fotografieren lies.

Auch wir hatten ja, wie bereits erzählt, vorgesorgt und unsere Marshmallows mitgebracht. Da wir sie danach noch essen wollten, hielten wir sie lieber nicht direkt in die Lava.

Auch von der Luft aus lies sich der Vulkan wunderbar beobachten und so kreisten nicht nur Drohnen sondern auch Hubschrauber, kleinere Flugzeuge und sogar die großen Passagiermaschinen einmal um den Fagradalsfjall.

Auch ich hatte zwei Tage später auf unserem Rückflug nochmal das Glück einen Blick aus der Vogelperspektive zu erhaschen.

Wir hielten uns ca. drei Stunden dort oben auf, man konnte sich einfach nicht sattsehen.



Für den Rückweg wählten wir dann den anderen Weg, der zwar von unten kommend abgesperrt war, von oben her jedoch nicht. Auch wenn der Wind immer noch in dieselbe Richtung wehte, wollten wir nur ungern das steile, rutschige Geröllfeld nach unten klettern und so entschlossen wir uns, einfach zügig und ohne größere Pausen den anderen Weg zu nehmen. Dieser stellte sich dann tatsächlich als deutlich einfacher und angenehmer heraus. Lediglich eine Stelle war etwas steiler, aber hier war sogar bereits ein Seil gespannt, an dem man sich festhalten konnte.

Nach gut einer Stunde Abstieg erreichten wir durchgefroren aber überglücklich und mit einer der besten Erfahrungen des Lebens im Gepäck wieder unser Auto.
Ein perfekter Abschluss einer wunderbaren Reise!


